Catherine Deneuve (c) John Macdougall/AFP Photo

Adieu Archetyp Arsch

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100 Frauen aus dem französischen Kultur- und Showbusiness, unter ihnen auch die Grande Dame du cinéma français, Catherine Deneuve, haben vor Kurzem im Le Monde einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem sie zu mehr weiblicher Abhärtung und Nachsicht dem männlichen Verhalten gegenüber aufrufen. Pardon?

Die zugrundeliegende Überlegung (und Sorge?) mag vielleicht auf den ersten Blick verständlich scheinen: Frauen sollen nicht das ewige Opfer sein, das schwache Geschlecht, sondern sich wehren, wenn sie belästigt werden, gleichzeitig aber bitte auch nicht jeden ungewollten Kuss als Belästigung empfinden. Sexuelle Freiheit und so. Gleichberechtigung. Bevor ich an dieser Stelle zu GROSSBUCHSTABEN!!! und BELEIDIGUNGEN!!! greife, wiederhole ich mich lieber nochmals, dieses Mal dezent nachdrücklich in fett: Pardon?! 

Nein. Schlicht und ergreifend nein. So wird die Diskussion verdreht und die Reaktion der Opfer analysiert und kritisiert, anstelle des Verhaltens der Täter. Na danke. Passiert aber oft bei Themen, in denen bestehende soziale Strukturen und problematische Machtgebilde im Zentrum stehen. Zurück zum Opfer, lieber dieses anpassen oder verunsichern, als den Kontext. Mais oui, das Problem sind die Frauen; ihre Kleidung, ihr Verhalten, ihre übertriebene Sensibilität und Sexualität, ihre Schwäche und Abhängigkeit, etcetera und trallala. Seid nicht so empfindlich, schlagt verbal zurück oder einfach zu, ihr wolltet doch Gleichberechtigung, jetzt seid ihr unter Männern, also verhaltet euch entsprechend und reagieret so, wie ein starker Mann es tun würde. Denn schliesslich ist er die Krone der Schöpfung und das anzustrebende Ideal, hat die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen. Ähm.

Nebst der Tatsache, dass der stolze Krieger nicht das Idealbild aller Menschen ist, haben gar nicht alle Frauen genug Selbstbewusstsein oder Körperkraft, um so zu werden. Oder nur schon den Drang. Auch nicht alle Männer. Diese sind in einem solchen Weltbild automatisch benachteiligt und können sich höchstens mit Hilfe ihrer Mitmenschen oder Pfeffersprays wehren. Aber wieso sollen „schwächere“ Menschen überhaupt wie starke Männer sein müssen, damit sie als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft überleben können und nicht dünkelhaft belächelt werden? Ein gutes Beispiel dafür, wie verbreitet diese Denke ist, lieferte Jennifer Lawrence in ihrem Vogue Interview, als sie zu ihrer Zusammenarbeit mit dem cholerischen Regisseur David O. Russell befragt wurde:

“Because I’m not so sensitive, we can really talk, like, man-to-man,” she says. “Sometimes he accidentally refers to me as he or him. But he really respects and understands women, and by that I mean he doesn’t treat a woman any differently than he’ll treat a man. He would never tiptoe around a woman.”

When I tell Amy Adams, her costar in American Hustle, what Lawrence said, she laughs. “Well, if you mean he doesn’t treat people like a lady, I can agree with that,” she says.

Oh my. Hier wird kompakt verpackt alles implizit erwähnt, was so problematisch ist an der heutigen Gesellschaft. Beginnen wir von vorne. „…we can really talk, like, man-to-man…he doesn’t treat a woman any differently than he’ll treat a man…“. Real Talk ist nur unter Männern möglich oder höchstens noch mit Frauen, die wie Männer sind und Russell ist Feminist, weil er das gleiche Arschloch zu allen ist, egal, ob Mann oder Frau. Ich muss kurz lüften und tief durchatmen.

Leute, die respektvollen und anständigen Umgang schätzen und erwarten, werden als schwach, als Lady abgestempelt (ach Amy, nicht du mit einer solchen Aussage). Aber Respekt und Anstand zu verlangen, ist nicht lady-like, es ist die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft, in der immer mehr Menschen auf immer engerem Raum zusammen arbeiten und leben müssen. Diesen wichtigen Punkt macht auch Michèle Binswanger, wenn auch etwas verworren und über Umwege von Klassendenken und Stilfragen her, in ihrem Artikel „Fünf Regeln für die Lady“.

„Sich wie eine perfekte Bitch zu benehmen ist einfach und verschafft den schnellen Vorteil. Aber es ist nicht eben elegant…“

„…Stil [ist] eine Frage der Haltung und nicht der sozialen Schicht, aus der man kommt. Stil im Sinne eines respektvollen Umgangs miteinander ist ja gerade ein Mittel, um solche Unterschiede zu überwinden.“

Es ist keine Frage der Geschlechterrollen oder des Stils, sondern eine Frage der Basis gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und die wichtige Frage heute ist, wie gehen wir mit erwachsenen Menschen um, die ihre aggressiven Impulse nicht im Zaum halten, weil sie gleichzeitig ein grosses Rädchen in der Maschinerie des Lebens sind? Arschlöcher werden toleriert, weil sie in hohen Positionen sitzen und viel Geld und Ruhm und Chancen für sich und die Menschen in ihrem Mikrokosmos bringen. David O. Russell behandelt die Leute auf seinen Sets unglaublich schlecht, darüber gibt es zig Stories und YouTube Videos. Das musste auch George Clooney in den 90ern auf dem Set von „Three Kings“ erfahren und sein Unmut über Russell’s Verhalten führte zu mehreren lautstarken Auseinandersetzungen, die sogar in Tätlichkeiten ausgeartet sind. Weshalb? Nicht, weil Clooney „like a lady“ behandelt werden wollte, sondern weil er sich für ein anständiges Arbeitsambiente für die finanziell und karrieretechnisch von Russell abhängige Crew eingesetzt hat, die von ihm täglich verbal und physisch attackiert wurde. Weil diese sich nicht wehren konnten, Clooney aber schon, weil er als bereits etablierter Star in einer Position war, in der er keine Angst um seine Zukunft haben musste. Und weil er ein anständiger Mensch ist.

Und nur darüber sollte man diskutieren, über den oft fehlenden Respekt und Anstand im Alltag. Das bedeutet nicht, dass man „like a lady“ behandelt werden möchte. Welcher Mann möchte schon so beschrieben werden, vor allem, wenn bei einer solchen Aussage immer noch unterschwellig mitschwingt, dass man halt zu schwach ist, um sich aus eigener Kraft Platz und Anerkennung zu erkämpfen und deshalb extra Zuwendung und Samthandschuhe braucht? Bei den Frauen wird das Problem nochmals verdreht, sie soll bloss nicht so werden, welche Frau wäre schon lieber eine Bitch als eine Lady. Die Welle war zwar mal kurz da, vielleicht erinnert sich wer noch an das Buch, die T-Shirts und die Pins mit dem Spruch „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“, ist aber in der Zwischenzeit wieder verebbt. Männer, die sich nicht wehren können, sind wie schwache Frauen, Frauen, die sich wehren, sind Bitches, aber immerhin keine schwachen Frauen, aber auch nicht wirklich wie starke Männer. Hauptsache, der Status Quo bleibt erhalten und wird nicht in Frage gestellt. Subtile soziale Erpressung vom Feinsten. Seid einfach etwas mehr wie wir „starken Männer“, seid etwas arschiger, dann ist das Problem gelöst und wir müssen uns nicht ändern, das wäre doch zu viel verlangt.

Ich will kein Arsch sein. Ich will den Ärschen auf die Finger hauen und sie zurechtweisen können, ohne dass ich als überempfindlich und schwach oder als Bitch abgestempelt werde. So, wie man kleinen Kindern ins Gewissen redet, wenn sie sich daneben benehmen, in der Hoffnung, dass sie daraus lernen und zu besseren Menschen werden. Da sagt man auch nicht der Mama oder dem Papa, dass das Problem ihr Charakter ist. Das Problem ist das Verhalten des Goofs, der’s halt noch nicht besser weiss und lernen muss. Weil er gerade erst in dieser Welt und Gesellschaft gelandet ist. Das kann man von erwachsenen Männern nicht behaupten. Aber das Problem als solches wird langsam deutlich und Arschlöcher als Spezie Mensch werden inzwischen sogar von Professoren an Uni Stanford studiert. Schön. Fortschritt.

Aber wenn Arschis innerhalb eines Kontexts aufsteigen, der mehr und mehr von ihnen profitiert und solches Verhalten deswegen duldet, dann wird Zurechtweisung schwierig. Vor allem, wenn es als notwendiges Übel bei gefeierten Genies akzeptiert wird.

„But he’s a genius, he creates great art/lots of money/fundamental progress for this society.“

Den Spruch hört man in allen möglichen Variationen immer wieder. Who cares. Kein Genie ist unersetzlich, kein Künstler der letzte seiner Art, kein Schaffen so wichtig, dass man solches Verhalten ertragen muss. Das Smartphone à la iPhone wäre früher oder später von sonst wem erfunden worden, Silver Linings Playbook ist nicht der beste Film aller Zeiten, und der Typus des leidenden Genies, das sein Leiden an den anderen auslassen muss, um Grosses zu schaffen, sollte endlich begraben werden. Es gibt auch nette Genies, von denen hört man einfach nicht so viel, weil sie sich weniger in den Vordergrund drängen. Die die Anerkennung für ihr Werk schätzen, aber nicht so davon abhängig sind, dass sie während des Schaffens zum Arschloch werden, weil sie Angst um ihr Werk, ihren Ruf und ihre Privilegien haben. Weil sie ihre Impulse nicht kontrollieren können, nie gelernt haben, sie zu kontrollieren, weil man ihnen ewig und zu lange freie Hand gelassen hat, statt ihnen auf die Finger zu hauen und das alles im Namen der Kunst, des Fortschritts und vor allem des Profits.

Es muss ein Umdenken und ein Kulturwandel stattfinden und glücklicherweise scheint er langsam ins Rollen zu kommen. Aber für eine wirkliche Veränderung muss weiter darüber geredet werden und das Verhalten der Arschlöcher immer wieder blossgestellt und deutlich verurteilt werden. Wir müssen als mögliche implizite Komplizen in uns gehen und uns fragen, ob die Duldung wirklich nötig war, ob es nicht andere Wege, andere Menschen gegeben hätte, die das gleiche ähnlich gut können, aber respektvoller sind im Umgang mit ihrer Umwelt. Die Lösung kann nicht sein, dass wir mehr Leute zum Arschlöchlen animieren und die Anständigen überheblich als „Gutmenschen“ betiteln, so wie Balsiger von der SVP das tut, wenn er über die AL und ihre soziale Ader schimpft. Das Gegenteil von Gutmensch ist immer noch Schlechtmensch. Oder einfach Arschloch. Wird Kindern noch eingebläut, aber wenn sie’s als Erwachsene vergessen und ihr Verhalten toleriert und weiter ermöglicht wird, dann muss man eingreifen und sie zurechtweisen.

Also greift ein, sagt einem Arsch, dass er gerade ein Arsch war und hofft, dass sich genug mit anschliessen, damit sich das Arsch endlich ändert oder bei Uneinsichtigkeit rausgeworfen werden kann. Denn auch Arschlöcher sind nur Rädchen in einer Maschine, manchmal sehr grosse, aber doch nur Rädchen. Und kein Rädchen ist unersetzbar und man kann Hoffnung darin schöpfen, dass es selbst nach einem kompletten Zusammenbruch immer irgendwie weitergehen wird, denn Stillstand liegt nicht in der Natur der…nun ja, Natur.

Also allez hopp, mehr Zivilcourage, mehr Freimütigkeit, mehr Mut zur Einforderung von Respekt und Anstand allen gegenüber. Nett sein ist cool, wir müssen’s nur endlich richtig schätzen. Und es komme mir keiner mit dem Spruch, dass die Gesellschaft deswegen verweichlicht wird. Wir verweichlichen uns seit eh und je selber und freiwillig, wir nennen’s einfach Fortschritt und sehen es unter diesem Deckmantel positiv. Heute muss keiner mehr jeden Morgen in den Wald, um sein Essen zu jagen, man kann es sich in einem Bürostuhl bequem machen und die Pizza liefern lassen. Wir schicken vermehrt Drohnen und Roboter in Kriege statt Menschen und lassen uns von selbstfahrenden Autos herumkutschieren, anstatt selber kilometerweit zu laufen. Wir haben uns das Leben so weit vereinfacht, dass es möglich ist, zu überleben, ohne ein Arsch oder ständig der Stärkste sein zu müssen. Also verabschieden wir uns doch endlich von diesem Typus und geben uns der Nettigkeit und dem Anstand hin. Es lohnt sich, denn das Gefühl, nett und hilfsbereit zu sein, ist ein schönes, vor allem, wenn es erwidert und geschätzt wird. Try it. Be nice.

 

 

 

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