Dene wo’s guet geit

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Wir waren zu siebt im Kino, nicht unüblich bei einer Nachmittagsvorstellung. Auch nicht unüblich, dass zu dieser Tageszeit ein eher älteres Publikum im Saal sitzt, geschätzter Durchschnitt: kurz vor oder nach der Pensionierung. Unüblich war aber, dass mir das Kinopersonal erzählt hat, dass die meisten Leute nach einer halben Stunde aus dem Saal laufen, obwohl der Film sehr gute Kritiken erhalten habe. Neu und innovativ sei er. Wieso nicht, versuchen kann man’s, was anderes lief im Moment nicht. So haben wir uns „Dene wo’s guet geit“ angesehen, ein Film von Cyril Schäublin, sein Abgesang auf die heutige Konsumgesellschaft.

Es ist eine Frage des Stils, wie ein Film aussieht und Stil kann gefallen oder nicht. Das ewige Grau in Beige zu Braun und die allgemeine Farbeintönigkeit wirkten auf mich schnell langweilig. Die Bildwelt Schäublin’s ist grau und eintönig, weil unsere heutige Welt grau und eintönig ist. Got it. Die Kamera bleibt entweder aus der Vogelperspektive auf Distanz oder geht sehr nah ans Gesicht heran, Überwachung, Entfremdung und Isolation herrschen in der heutigen Gesellschaft vor. Got it. Jeder einzelne Charakter im Film redet immer nur über Krankenkassenversicherungen und Internet Flatrates, unsere Gesellschaft ist oberflächlich und wird von Geld- und Konsumfragen dominiert. Got it. In den Einstellungen herrschen Beton, Glas und Stahl vor, Natur erscheint nur in Form manikürter Bäume, die Stadt ist also eine Betonwüste, Natur hat hier nur einen beschränkten und klar zugewiesenen Platz. Got it. Man könnte fast meinen, der Filmemacher glaube, das Publikum sei genauso oberflächlich wie die Menschen in seinem Film, und wiederhole deswegen so offensichtlich alles immer wieder, bis auch der letzte begriffen hat, worum es geht.

Wenn man Stilmittel an Stilmittel an Stilmittel reiht, vergisst man darüber manchmal, dass der Inhalt ebenfalls wichtig ist, wenn nicht – je nach Genre – gar wichtiger. Wenn jemand in einem Essay eine rhetorische Figur an die nächste reiht, wirkt das schnell künstlich. Und das passiert mit diesem Film. Es wirkt alles künstlich, die Welt, die Interaktionen, die Menschen. Und weil es etwas übertrieben und offensichtlich ist, stellt sich schnell eine gewisse Langeweile ein. Auch die völlig uninteressanten Charaktere tragen dazu bei.

Es sind keine Menschen, die hier gezeigt werden, sondern Karikaturen von Menschen. Sie reden nur über tiefe Tarife und neue Krankenkassen, man erfährt nicht einmal, ob sie wegen Geldsorgen ständig das Günstigste suchen oder weil sie vielleicht geizig sind. Oder weil sie gerade einen Anruf von Everywhere Schweiz erhalten haben. Man weiss nicht, welche Sorgen sie sonst plagen und ob ihr Leben noch aus anderem besteht, als ihrer Arbeit im Dienste der Allgemeinheit. Gezeigt werden Polizisten, Doktoren, Callcenter-Mitarbeiter und Pensionierte, alle reden immer nur über Geld und Zahlen, es ist eine Zivilisationskrankheit, die sich durch alle Schichten zieht. Die einzigen Personen, denen es gut zu gehen scheint, sind das asiatische Pärchen, das freundlich in der Privatbank empfangen wird und der russische Millionär, der ein Bankkonto ebenda eröffnen möchte. Und nicht mal bei denen ist man sich sicher, ob es ihnen wirklich gut geht, man nimmt es einfach an, weil sie schliesslich in einer Privatbank sind und ihr Vermögen da parkieren möchten. Und wir alle wissen, Geld macht glücklich. Auf den ersten Blick.

Aber der erste Blick nimmt nicht alles wahr, der erste Eindruck täuscht oft und man muss sich näher mit den Dingen auseinandersetzen, um sie wirklich zu verstehen. Das macht der Film leider nicht. Er bietet einen stilistisch interessanten, aber inhaltlich oberflächlichen Blick auf eine Welt, die von Konsum dominiert und von etwas debil wirkenden Menschen bevölkert wird. Sie scheinen mehr Roboter als Mensch zu sein, können sich an das Wenigste erinnern, was sie in ihrer Freizeit gesehen oder getan haben, scheinen seelen- und gedankenlos. Wirkliche „Dialoge“ entstehen nur, wenn sie über Zahlen reden, wobei auch „Dialoge“ hier eine grosszügige Beschreibung ist. Es ist schwierig, einen Film in Schweizerdeutsch zu drehen, die Sprache bietet sich nicht per se für geschriebene Dialoge an und für Improvisation braucht es sehr viel Talent und noch mehr gemeinsames Proben. Während des Films hat sich das Gefühl eingeschlichen, der Regisseur hätte den Schauspielern kurz erzählt, worüber sie reden sollen, dann die Kamera auf sie gerichtet und „Action“ gerufen. Das Resultat wirkt hölzern und oft unnatürlich.

Menschen sind mehr als nur das, was man in einer Momentaufnahme vielleicht von ihnen wahrnimmt. Und hier scheint eine Momentaufnahme auf eine ganze Filmlänge ausgedehnt worden zu sein. Es scheint fast, als hätte der Regisseur einen eigentlich sehr interessanten Artikel über eine Enkeltrickbetrügerin gelesen, dann aber nur den Titel und den Lead verfilmt. Und das auf 70min ausgedehnt. Wenn es länger gedauert hätte, wäre ich auch rausgelaufen, ganz ehrlich.

Der Film hätte vielleicht besser als Videokunstprojekt funktioniert, als Loop der interessantesten Bilder und Einstellungen, um die Hälfte gekürzt. Und hätte so stärker wirken können als nachdenkliche Parabel auf die heutige Welt, verdichtet und ganz dem Stil verpflichtet, ohne dass der Inhalt dabei zu kurz kommt. So verfehlt er die Wirkung etwas, wirkt langweilig und inhaltslos, was wohl der Hauptgrund dafür war, dass bei jeder Vorstellung Leute aus dem Saal gelaufen sind.

Beitragsbild: Standbild „Dene wo’s guet geit“

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