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Selber schuld, wenn es gestohlen wird. So wohl die Logik des Herrn Freeman, Anwalt aus England, der sich auf Twitter als „…Britain’s highest profile lawyer, a commentator and author“ beschreibt. Kommentiert hatte er kürzlich den Entscheid des englischen Gerichtshofes, dass Upskirting künftig mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden kann. Also das hier:

Bildschirmfoto 2018-06-20 um 22.15.32
(c) Twitter.com

Verletzung der (meist weiblichen) Privatsphäre durch (meist männlichen) Voyeurismus. Hier in infantiler Ausführung, weil es eher aussieht wie ein Scherz oder eine Wette unter Jungs, die zu viel Alkohol und zu wenig Anstand intus haben, manchmal aber auch mit perverser Note, wenn die Kamera über längere Zeit versteckt platziert wird, in einer Garderobe, Toilette, wo auch immer.

Man könnte nun denken, dass Freeman vielleicht das Festlegen des Strafmasses kommentieren würde, wie sehr sollte ein dummer Bubenstreich bestraft werden, wie sehr eine sorgfältig geplante Tat. Er könnte auch die Ausgangslage der Anklage besprechen, sie haben Zeugen und Videoaufnahmen, klarer Fall; oder die Verteidigung, es war viel Alkohol im Spiel, viel Dummheit, das sind keine perversen Lüstlinge.

Aber nichts von alldem tut Freeman. Dass das Vergehen inakzeptabel ist, bestreitet er nicht, Motiv und Strafmass scheinen ihm egal zu sein, denn was ihm wirklich am Herzen liegt, ist folgendes:

Bildschirmfoto 2018-06-20 um 22.58.21
(c) twitter.com/TheMrLoophole

Es ist in gewissen Kontexten möglich und wahrscheinlich, dass die Art der Kleidung das Risiko auf einen Übergriff erhöht. In den USA wird ein Afroamerikaner in einem Hoodie in Baltimore eher erschossen als einer im Anzug auf der Wall Street. Väter sind sich dieser Gefahr durch den jahrelangen Rassismus bewusst und bereiten ihre Söhne entsprechend darauf vor. Familien, die in ärmeren Vierteln mit hoher Kriminalitätsrate aufwachsen, warnen ihre Kinder, immer vorsichtig zu sein. Ich frage mich, ob in einer privilegierten Familie, die in einem relativ sicheren Vorort aufwächst, ebenfalls solche Gespräche mit den Kindern geführt werden. Ob Väter und Mütter ihren Töchtern nahelegen, keine kurzen Röcke zu tragen, damit sie nicht vergewaltigt werden. Wahrscheinlich ist der Seximsus da subtiler versteckt und man argumentiert mit Moral und Reputation. Aber wie würden solche Eltern reagieren, wenn ein Anwalt ihrer Tochter sagt, dass sie sich in Zukunft züchtiger anziehen soll, damit diese Übergriffe nicht mehr passieren, weil die Polizei Besseres zu tun hat?

Freeman’s Argument ist vordergründig rational und deswegen abwertend, ihm geht es nicht um die Sicherheit und Privatsphäre der Frau, sondern um die Arbeitslast der Gesetzeshüter. Er wirft den Opfern indirekt vor, dass Mörder und Räuber entkommen könnten, weil Anwälte und Gerichte sich nun um Spanner kümmern müssen, das aber ist soziale Erpressung. Er verlangt von Frauen mehr Verantwortung und längere Röcke, obwohl die Dame einen knielangen Rock trug und in einem Supermarkt war, einem Ort, an dem man nicht erwartet, Opfer eines solchen Vergehens zu werden. Unter Aufbietung von einigem Verständnis für die Lage von Anwälten und Richtern, könnte man diese Argumentation vielleicht noch verstehen. Aber sie ist trotzdem falsch.

Anstatt dazu beizutragen, dass Kriterien zur Bestimmung des Strafmasses definiert werden (z. Bsp. Busse bei alkoholisierten Bubenstreichen, Haft bei organisierten Spannern), damit ein schnelles Verfahren möglich ist, wird die Verantwortung auf die Opfer geschoben und damit argumentiert, dass einige Verbrechen wichtiger sind als andere. Das ist an sich richtig, diese Unterscheidung wird aber im Strafmass festgehalten, ein Diebstahl wird nicht so hart bestraft wie ein Bankraub. Opfer verlangen zu Recht Genugtuung für erlittenen Schaden, sonst gäbe es kein Gesetz, dass ihnen dieses Recht ermöglicht. Wir alle haben im Arbeitsalltag Aufgaben, die wir mehr oder weniger gerne erfüllen. Aber nur weil es wichtigere Aufgaben gibt, heisst das noch lange nicht, dass die auf ersten Blick weniger wichtigen nicht erledigt werden müssen. Spannern als Akt existiert schon lange, etwas an Häufigkeit, Vorgehen und sozialer Wahrnehmung daran muss sich geändert haben, wenn nun ein Gesetz nötig geworden ist. Aber anstatt sich an die Legislative zu wenden und eine Änderung zu bewirken, schiesst sich Freeman auf die Opfer ein, angeblich aus Gründen der Effizienz. Es scheint fast, als wäre er hier persönlich betroffen. Ob das der Grund für seinen Kommentar sein kann?

Streifenpolizisten, die Falschparkierern und Taschendieben nachjagen, sind nicht auch noch in einer Spezialeinheit zur organisierten Verbrechensbekämpfung tätig. Anwälte, die diese verteidigen, zählen selten auch Mafiabosse und Bankräuber zu ihren Mandanten. In welche Sparte fällt Freeman? Ich habe den Highest Profile Lawyer of Britain gegoogelt, die ersten 5 Einträge beschreiben ihn als Celebrity Lawyer mit Fokus auf Verkehrssünder und Raser. Oh. Gehört nun auch nicht unbedingt zur Sparte „wichtigeres Verbrechen als Spannern“ und könnte ebenfalls als Verschwendung von legalen Ressourcen angesehen werden, wenn ein reicher Ferrarifahrer vor Gericht seinen Fahrausweisentzug wegen Raserei anficht.

Freeman will vielleicht einfach etwas mehr Aufmerksamkeit. Und schürt deswegen in Zeiten von #metoo und wachsendem Bewusstsein für die systemische Unterdrückung von Minderheiten weiter das Feuer, in dem er halb versteckt und doch sehr deutlich sagt, dass solche Vergehen und deren Opfer weniger wert sind. Er muss es ja wissen als Anwalt der Schnellfahrer und Falschparkierer. Na denn.

Beitragsbild: (c) citizengo.com

 

Update: Absurder geht immer:

Bildschirmfoto 2018-06-29 um 08.55.27
(c) apnews.com

Die Werbung für diesen Schuh möchte ich sehen. Wozu Kameras in Schuhen?!

 

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