Text | Kleider vor Gericht

In Irland endete soeben der Vergewaltigungsfall einer 17-Jährigen mit dem Freispruch des 31-jährigen Angeklagten, Schlagzeilen gemacht hat aber vor allem ein Teil des Plädoyers seiner Verteidigerin, nämlich das altbekannte, immer noch nicht verbannte Argument der anzüglichen Kleidung:

„Does the evidence out-rule the possibility that she was attracted to the defendant and was open to meeting someone and being with someone?“ she asked, according to the Examiner’s report.

„You have to look at the way she was dressed. She was wearing a thong with a lace front.“

Kleidung als Argument für mildernde (für den Angeklagten) und anstiftende (vom Opfer) Umstände werden vor Gericht bei Vergwaltigungssfällen immer wieder vorgebracht. Die Dame hier scheint mit dem englischen Staranwalt Freeman verwandt zu sein, der ähnlich dämlich denkt und Kleidern verheerende Kräfte zuspricht. Natürlich nur Frauenkleidern, notabene, und natürlich vor allem verheerend für Männer, notabene.

Anzügliche Kleidung macht aus Frauen Kollateralschäden und nicht Opfer, scheint der Glaube zu sein, weil damit automatisch und freiwillig die Autonomie über den eigenen Körper abgegeben wird. Kurzer Rock? Klare Aufforderung zum Füdlifoto, aber hallo. Spitzenunterwäsche? Praktisch eine Einladung in die private VIP Lounge. Man(n) findet sie sexy, also darf man(n) Sex erwarten. Da muss auch nicht gross nachgefragt werden, im Interpretieren sind Männer schliesslich Weltmeister, vor allem, wenn es um Sex und die Auslegung zu eigenen Gunsten geht. Beim Anblick von ein bisschen Oberschenkel in kurzen Röckchen steht die Welt und der Penis plötzlich kopf und das Hirn rutscht, vorbei am kümmerlichen Herzen, direkt in die Hose. Arme Kerle, schlimme Sache, so wenig Kontrolle über den eigenen Körper zu haben.

Wie würde das Argument umgekehrt aussehen? Zum Beispiel, wenn Männer Ford-Anzüge und Gucci-Schuhe tragen? Er ist reich, also darf sie Geld erwarten? Und wenn er’s doch nicht herausrücken will, sorry, aber deine Schuhe haben gesprochen, her mit der Kohle. Was, Meinung geändert? Zu spät, mein Schatz, wer mit Stoffen spielt, gibt die Fäden aus der Hand, das weiss doch jeder. Now gimme that.

Vielleicht sollten wir zurück zum Keuschheitsgürtel gehen. Gerne in Spitze ummantelt, mit vielen Rüschchen, in sündigem Rot, aber immer noch ein Keuschheitsgürtel. Wie da wohl argumentiert würde, wenn die Funktion nein sagt, die Dekoration aber so hübsch ist? Oder vielleicht sollte vor Gericht einfach eine Busse eingeführt werden für jede Verteidigung, die einen Minirock oder roten Lippenstift nicht als weibliche Verschönerung, sondern als implizite Aufforderung zum Sex darstellen möchte, von der man nicht zurücktreten und sich auch nicht aussuchen darf, wem sie gelten soll. Ein Kleidungsstück ist nämlich vor allem funktional und kann sehr dekorativ sein, aber es ist weder Aufforderung noch Zustimmung zu irgendetwas. Das sollte langsam klar sein.

Bild: Judgements von Rosea Posey

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