Text | The times, they are a changing

Die Vereinigten Staaten, lange bekannt als verheissungsvolles Land der Träume, in dem das Streben nach dem eigenen Glück in der Unabhängigkeitserklärung verankert wurde, Tellerwäscher Millionäre werden und Fans sich im blendenden Scheinwerferlicht der fortschrittlichsten Nation der Welt sonnen konnten, dieses Land degeneriert immer mehr zu einem autoritären Staat, der nach links und unten drischt, Rechte beschneidet und Privilegien verteilt, kritische Berichterstattung pauschal als fake bezeichnet und Bürger, die um Ethik und Menschlichkeit besorgt sind, als Social Justice Warriors beschimpft. Etwa so, wie die SVP linke Politiker Gutmenschen nennt und dies als Beleidigung verstanden haben möchte, als wäre die Haltung, das Gute in anderen sehen zu wollen, nicht höchstens manchmal naiv, sondern von Grund auf dumm. Es gilt zwar in dubio pro reo und natürlich sind die Herren Vögeli und Schifferli im Herzen gut, Fehler machen schliesslich alle mal, aber wenn es um Yakin und Petković geht, mit diesen Buchstaben in ihren Namen, die hier selten, wenn überhaupt, benutzt werden, da muss man ein bisschen misstrauisch sein. Vorsicht ist schliesslich besser als Nachsicht. Sure. 

Vor 75 Jahren aber, da war das noch anders im Land ennet des Ozeans, 1943 veröffentlichte Walt Disney einen Propagandafilm gegen die Nazis mit Donald Duck in der Hauptrolle, „Der Fuehrer’s Face“, der anschliessend den Oscar für den besten animierten Kurzfilm gewann. Er zeigt Donald im „Nutziland“ (because those German Nazis are all nuts, ain’t they), wie er als braver Bürger seinen Alltag absolviert, bevor er langsam, aber sicher, verrückt wird. Im dritten Akt erfolgt dann die Erlösung, es war alles nur ein Alptraum, er erwacht im eigenen Bett und ist heilfroh, immer noch amerikanischer Bürger zu sein. Ein dreiviertel Jahrhundert später scheint der Film aktueller denn je, allerdings müsste man den dritten Akt streichen, aus dem patriotischen Donald ist ein nationalistischer geworden, der Alptraum Realität. Und es fehlt eine leuchtende Figur, die als Gegenpol zu den Nazis dienen könnte.

Welche Nation hat aktuell die Ausstrahlung, die die Staaten lange besassen, und hält das Streben nach den gesellschaftlichen Idealen von Demokratie, Freiheit und Gleichstellung aufrecht? Natürlich waren auch die Amerikaner nie nur hehre Demokratiekämpfer, sie haben seit der eigenen Unabhängigkeit 1776 in jedem Jahrzehnt Krieg geführt und sich gerade in den letzten 50 Jahren aussenpolitisch auf der ganzen Welt eingemischt, um für sich vorteilhafte politische und wirtschaftliche Systeme zu erhalten oder durchzusetzen. Doch trotz dieser Schattenseiten standen die USA wie kein anderes Land für humanistische Ideale. Wer steht im 21. Jahrhundert noch kompromisslos dafür? Die UNO ist mehr höflicher Knigge als starke Leitfigur, Frankreich und Deutschland haben zu wenig Gewicht und zu viele eigene Probleme, England will eh aus allem raus und den Rest der Welt ignoriert Europa geflissentlich. Die zivilrechtlichen Errungenschaften geraten überall unter Beschuss und während des Kugelhagels preist China seinen Einparteienstaat als politisches Erfolgsmodell an. Grossartig.

Aber ausgerechnet in den vergessenen Konfliktregionen wird mit ganzheitlichen demokratischen Ansätzen experimentiert, die hoffen lassen, so zum Beispiel in Syrien in Rojava. Es scheint, als müssten wir nochmals über die Bücher und von vorne beginnen, jeder im Kleinen, jeder vor seiner eigenen Haustür, ohne die Welt, die dahinter existiert und unsere Gesellschaft ermöglicht und mitgeprägt hat, zu ignorieren. Wir müssen uns auf unsere eigenen Möglichkeiten konzentrieren und gleichzeitig über unseren Tellerrand hinausblicken, was heute dank Internet und Smartphone gut möglich ist; jeder, der Zugang hat, kann. Und sollte langsam auch. 

Um Bob Dylan das letzte Wort zu lassen:

Come gather ‚round people
Wherever you roam
And admit that the waters
Around you have grown
And accept it that soon
You’ll be drenched to the bone.
If your time to you
Is worth savin‘
Then you better start swimmin‘
Or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin‘.

Der Film „Der Fuehrer’s Face“ muss auf Youtube angesehen werden, der Uploader hat die Wiedergabe auf fremden Seiten leider deaktiviert:

Beitragsbild: Standbild „Der Fuehrer’s Face“ (1942) (c) Walt Disney

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