Text | The Great Pacific…oh

Die Natur hat das Great Barrier Reef hervorgebracht, das wir bereits halb abgetötet haben, aber egal, wir haben schliesslich auch selbst geschaffene Unterwasserkunstwerke wie den Great Pacific Garbage Patch, tauchen wir künftig zu dem. Der grösste der fünf Plastikmüllstrudel, die in unseren Ozeanen umherschwimmen, ist flächenmässig vier Mal so gross wie Deutschland und besteht aus ca. 1.8 Billionen Plastikteilchen, die insgesamt etwa 80’000 Tonnen wiegen. Das ist eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass eine der vorteilhaften Eigenschaften von Plastik gerade jene ist, dass das Material so leicht ist. Um das Ganze bildlich zu machen, der ganze Müll des einen Strudels da draussen wiegt so viel wie 500 Jumbo Jets zusammen. Holy shit. 

Quelle Grafik: www.theoceancleanup.com
Quelle Grafik: http://www.theoceancleanup.com

Seit den 1950ern wurden weltweit ca. 8,3 Mrd. Tonnen Kunststoff produziert, die Hälfte davon in den letzten 13 Jahren, drei Viertel dieser Menge wurde zu Abfall, der zu 9 % recycelt, zu 12 % verbrannt und zu 79 % auf Müllhalden deponiert wurde. Und genau dieser Müll, der weder verbrannt, noch rezykliert wird, landet in unseren Gewässern, in der Erde und den Pflanzen und letztlich auch in unserem Körper. Vor kurzem war in der „Zeit“ gar zu lesen, dass zum ersten Mal Mikroplastik in menschlichen Stuhlproben nachgewiesen wurde. Die Kacke beginnt langsam zu dampfen.

Der Artikel weist zwar darauf hin, dass man noch keine konkreten Beweise zum Gesundheitsrisiko von Mikroplastik hat, dafür fehlt schlicht die nötige Anzahl an Daten und Studien, erwähnt aber im Anschluss die Asbestforschung, die auch erst nach Jahrzehnten einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Material und einem aggressiven Lungentumor nachweisen konnte. Als Beispiel hätte man auch die Tabakindustrie nehmen können, die ebenfalls jahrzehntelang behauptet hat, dass Rauchen keine Gesundheitsrisiken birgt, bevor sie gesetzlich dazu verdonnert wurde, zuerst einen Warnhinweis, dann abschreckende Bilder auf die Päckchen zu drucken. Einem Arzt in Deutschland, der zu viele schwarze Lungen gesehen hatte, dauerte dieser Kampf zu lange, er zog in den 70ern schon durch die Strassen und übermalte die Plakate des Marlboro Man mit einem Totenkopf. David gegen Goliath mal anders.

Wenn man die Schweizer Medienberichte über Plastikmüll liest, erstaunt vor allem eines immer wieder: das Problem wird zwar erkannt, aber weg- oder schöngeredet, es wird so getan, als wäre ein Leben ohne Plastik nicht möglich, dabei nutzen wir das Material erst seit kurzem in grossem Stil. In der NZZ werden brav die Vorteile aufgelistet, Experten erzählen, dass sie Airlines dazu raten, Plastik- statt Metallgeschirr zu verwenden, weil man so Sprit sparen kann und mahnen vor Alternativen wie Jute- oder Baumwollsäcken, weil diese mindestens 20 Mal genutzt werden müssen, damit die Ökobilanz besser als jene von Plastik ist. Als ob irgendwer auf die Idee käme, einen Jutesack nach einmaligem Tragen wegzuwerfen, wie das so oft bei Plastiksäckchen passiert, und Besteck kann auch aus Bambus produziert werden. Dass ein anderer Journalist der NZZ die Methodik und Ergebnisse der Studie ein paar Monate vorher ausführlich besprochen und kritisiert hatte, das hat die NZZ als Zeitungsorgan leider bereits wieder vergessen. Fragmentierung der Welt, ahoi.

Aber die befragten Herren sind schliesslich Kunststoffexperten und keine Hippies, sie wurden nicht angestellt, um ganzheitlich zu denken, sondern vor allem auf den eigenen Bereich fokussiert. Plastik muss einfach besser genutzt werden, meinen sie, das wird die meisten Probleme schon lösen und schliesslich trägt der Konsument auch einen Teil der Schuld. Dieser Ansatz ist vergleichbar mit einem Arzt, der seinem rauchenden Patienten sagt, er solle nicht mehr Camel ohne Filter und bitte nur noch dann rauchen, wenn er nervös oder gelangweilt ist, damit es nicht zum Gesundheitsverschleiss nur durch reinen Genuss kommt, das generiert einfach zu wenig Mehrwert. Bitte effizienter rauchen, Marlboro Man. Etwas kurzsichtig (oder „fokussiert“), aber durchaus logisch, doch. Wer will, der kann so argumentieren.

Das Problem ist aber eigentlich ein anderes. Die meisten Kunststoffe werden aus Erdöl hergestellt, die Öllobby ist stark, Plastikprodukte sind billig, die Konzerne gierig und der Endverbraucher nicht reich und/oder informiert genug, um andere Produkte zu nutzen. Aber gerade bei den Verpackungen könnte man viel Plastik einsparen, bloss droht da Bigler vom Schweizer Gewerbeverband jetzt schon, dass die Kosten von Plastikverzicht im Detailhandel auf die Kunden abgewälzt werden, man kann schliesslich von den Managern und Vorstandsdirektoren nicht erwarten, dass sie den Gewinn der Firma (und vielleicht ihren Lohn ein bisschen) schmälern zum Wohle der Umwelt und Menschheit. Wo käme man denn da hin mit soviel Weit- und Rücksicht. Wo bisher viel Geld gemacht wurde, muss auch weiterhin viel Geld gemacht werden, egal, auf wessen Kosten. Na denn, viel Spass beim nächsten Tauch- und Klogang. 

Beitragsbild: phys.org

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