Text | So denke doch wer an die Kinder!

Wenn zwei Menschen sich lieben, sollten sie heiraten dürfen, egal, ob sie dies tun, um vor irgendeinem Gott Union und Gläubigkeit zu zelebrieren, um Steuern zu sparen oder um Zeugung und anschliessenden Unterhalt von möglichem Nachwuchs zu vereinfachen. Einige Länder haben dies endlich eingesehen und die Ehe für alle, wie sie heute bezeichnet wird, bereits eingeführt, allen voraus waren dabei die Niederlande, Belgien und Spanien, die 2001, 2003 und 2005 dieses Recht gesetzlich verankert haben.

Aber die Schweiz mit ihrer grossen, immer wieder gern ins Rampenlicht gerückten humanitären Tradition hinkt hier, wie auch schon bei der Einführung des Frauenstimmrechts, wieder einmal hinterher. Seit Jahren wird darüber diskutiert, aber erst jetzt kommt Bewegung in die Diskussion, die SP ist geschlossen dafür, die SVP geschlossen dagegen, FDP und CVP kommen mit einem „Ja, aber“ daher. Zeit und Fortschritt haben dazu geführt, dass der grosse Streitpunkt nun nicht mehr der heilige Akt der Ehe ist, jetzt sorgt man sich um die Kinder, die armen Kinder.

The Simpson, 7. Staffel, Folge 23

Andrea Geissbühler (SVP) formuliert ihre Bedenken kurz und bündig und leider auch mit wenig Substanz so:

Gegen eine Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren habe ich nichts einzuwenden. Sobald aber Dritte involviert sind, hört es für mich auf. Ein Kind hat ein natürliches Recht auf einen Vater und eine Mutter.

Frau Geissbühler scheint hier zwei Dinge zu verwechseln. Kinder erzeugen und Kinder erziehen sind zwei separate Vorgänge, die nacheinander stattfinden. Beim ersten, kurzen Akt braucht es männliches Sperma und weibliche Eizellen, klar (obwohl das schwindende Sperma vielleicht irgendwann auch nicht mehr nötig sein wird). Die Wissenschaft hat uns soweit gebracht, dass Sperma und Eizelle sich nicht mehr in einem „natürlichen“ geschlechtlichen Akt vereinen müssen, nein, es geht nun auch „unnatürlich“ in der Petrischale und auf dem Operationstisch.

Für den zweiten, längeren Akt der Erziehung sind zwei oder mehr Erwachsene von Vorteil, das ist einleuchtend, auch wenn heute nicht mehr häufig gegeben. Das Verhältnis von Penis zu Vagina muss dabei aber keineswegs 1:1 sein, hat die Wissenschaft herausgefunden, denn das Geschlechtsteil hat wenig mit der Erziehung an sich zu tun, Hirn und Herz sind wichtiger als breite Hüften und dicke Hoden, um es mal salopp auszudrücken. Bahnbrechende Erkenntnisse. Dass es auch nur mit einem einzigen Elternteil geht, beweisen die knapp 440’000 alleinerziehenden Eltern in der Schweiz und dass mit etwas Hilfe auch Kinder Kinder erziehen können, das zeigen Grossfamilien und Teen Moms. Geschichte, Kultur, und Alltag führen oft vor Augen, dass Männer sich gerne mit der Zeugung brüsten, während Frauen sich vor allem um die Erziehung kümmern, erst recht, wenn das Kind weiblich ist. Aber ich schweife ab, zurück zur Natürlichkeit dieses Arrangements. Was genau ist Frau Geissbühlers Problem, nebst der Tatsache, dass sie anscheinend lieber auf eigene Gefühle hört, als auf empirische und wissenschaftlich belegte Resultate?

Geissbühler hat natürlich nichts gegen Schwule oder Lesben, die sollen tun, was sie wollen, sind schliesslich erwachsen. Aber dieses natürliche Tun auch Kindern vorleben, das geht zu weit. Die Dame sollte sich mit den SVP Politikern Liebi und Widmer zusammentun, die sich auch ab und zu grosse Sorgen um Kinder machen, die transsexuellem Gedankengut ausgesetzt werden und so Gefahr laufen, verdorben zu werden oder Pädophilen zum Opfer zu fallen. Niemand hat nichts gegen alternative Lebensformen, solange diese unter sich bleiben und man sie von Kindern fernhält, damit das ja nicht auf die nächste Generation übertragen wird. Heterosexualität scheint in dieser Weltsicht Veranlagung, alles andere Marotte oder Virus zu sein, einfach unnatürlich.

Zwei Elternteile haben, ist natürlich, zwei Väter oder Mütter nicht. Was soll dann mit Müttern oder Vätern passieren, die sich scheiden lassen, bisexuell sind und nun eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft führen. Wird dann das Sorgerecht automatisch dem Partner übertragen, der keine gleichgeschlechtliche Beziehung führt? Was, wenn beide bi sind und nach der Trennung eine gleichgeschlechtliche Beziehung führen, wer kriegt dann das Kind? Was, wenn die Frau stirbt und der Vater mit seinem alleinstehenden Bruder oder besten Freund zusammenzieht, weil er die Unterstützung braucht, wird das verboten? Früher wurden Waisenkinder oft ins Kloster gebracht, Jungs kamen zu den Mönchen, Mädchen zu den Nonnen, wäre das in Frau Geissbühler’s Weltsicht auch unnatürlich? Ich wage mal zu behaupten, dass es in diesem Falle keine Einwände gäbe, das sind schliesslich gottesfürchtige Menschen, was eine gewisse „Natürlichkeit“ in der Erziehung garantiert. Oder so. Wenn zwei Frömmler ein Kind aufziehen, ist egal, welches Geschlecht sie haben, Gott wird sie schon führen. Ich glaube auch, dass Frau Geissbühler mehr gegen ein schwules als gegen ein lesbisches Elternpaar hätte, aber das ist nur mein Gefühl, das sollte ich vielleicht nicht so rausposaunen. Nur, wenn die Geissbühler Homosexuellen unterstellen darf, dass sie keine guten Eltern sein können, dann kann ich ihr auch unterstellen, dass sie kein guter Mensch ist. Ich habe noch ein weiteres ungutes Gefühl, das unbedingt zur Sprache kommen muss: wie stünde Geissbühler dazu, wenn ein „natürliches“, muslimisches Elternpaar ein Schweizer Kind adoptieren wollen würde, wäre das in Ordnung? Oder wäre die Religion in diesem Falle nicht „natürlich“ genug, auch wenn die Geschlechter stimmen?

Geissbühlers angebliche Sorge um das Wohl der Kinder kann man auch mit einem einfachen Wort zusammenfassen: Bigotterie. Versetzt mit einer ordentlichen Dosis Xenophobie. Denkt daran bei den kommenden Wahlen im Frühling. Vielleicht kann ihr wer Grimm’s „Hänsel und Gretel“ vorlesen, in dem die Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen, weil sie sie nicht mehr ernähren wollen. Von wegen Kinder brauchen unbedingt eine Mama und einen Papa.

Beitragsbild: von fritzundfraenzi.ch

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