Text | Ingenieurskunst ohne lästige Ethik

Das wird wahrscheinlich ein Plädoyer für die Rückkehr zur Universalbildung. Eine Ingenieursausbildung ohne Ethikstudium sollte nicht möglich sein. Biologie-, Physik-, Ingenieurs-, Mathematik- und vor allem Wirtschafts- und Finanzstudenten/-innen, die sich gerne hinter Mathematik verstecken, sie alle sollten auch eine entsprechende Ausbildung zur Philosophie und vor allem Geschichte ihres Fachs erhalten. So wüssten dann die Wirtschaftler und Finanzler, dass die gleichen US-Firmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die ersten Wirtschaftskrisen verantwortlich waren wie auch 2008/09, Biologen und Physiker müssten sich mehr Gedanken zu den Auswirkungen ihrer Forschungen und Erfindungen machen, wenn Philosophie und Geschichte Pflicht wären und nicht freiwillige Nebenfächer, verpackt zum Beispiel als Bioethik und von jenen Kommilitonen studiert, die es mit den Naturwissenschaften vielleicht nicht so hatten und die man deswegen vielleicht auch etwas weniger ernst nimmt, deren mahnende Worte weniger Gewicht haben. Die Fragmentierung der Wissenschaften, die Spezialisierung auf einzelne Gebiete, hat zum rasanten Fortschritt beigetragen und vielleicht, wegen der teils fehlenden, oft erst nachträglich stattfindenden Reflexion, auch zu einiger Überforderung, nämlich dann, als die Gesellschaft endlich begonnen hat, die Früchte dieser Arbeit nach ausgiebiger Schlemmerei zu verdauen.

Christoph von Hugo, seines Zeichens Chefdesigner von Mercedes, interessiert sich nicht für Ethik, er interessiert sich für Maschinen, selbstfahrende Autos, genauer gesagt, und weil er sehr überzeugt ist von der Unfehlbarkeit der Maschinen im Vergleich zur Fehlbarkeit aller Menschen – ausser ihm selbst, natürlich, schliesslich ist er in einer Position, in der er über Leben und Tod anderer entscheiden kann, fast schon gottähnlich – wird er seine Autos so programmieren, dass höchste Priorität die Rettung des Autofahrers ist, komme da, was wolle. Was in Extremsituationen zum Beispiel dazu führen kann, dass ein Auto, auf Kollisionskurs mit einem Bus und mit zwei Ausweichmöglichkeiten – in einen Motorradfahrer oder in eine Gruppe Kindergärtner zu rasen – sich für die Kinder entscheiden würde, weil in diesem Falle das Risiko kleiner wäre, dass der Fahrer getötet wird, der ja aber im Grunde genommen nicht mal selber fährt, er lässt sich fahren und gibt somit sämtliche Verantwortung ab. Er gibt sie ab an die Firma, von der er das Auto gekauft hat, an ein Unternehmen, das sich – im Gegensatz zu Klägern – langjährige Prozesse leisten kann, an eine Firma, die Verantwortung höchstens in Form von Schadenersatzzahlungen und dem Austausch des einen oder anderen Managers oder CEO’s übernehmen muss. Das Auto war’s, die Firmenkultur war’s, egal, das Wichtigste ist, dass es keine „natürliche Person“ war, wie das Gesetz das so schön definiert als Unterschied zur „juristischen Person“, die Unternehmen bezeichnet, eben keine Menschen, die vielleicht fahrlässig gehandelt haben und für ihre Fehler geradestehen sollten, um daraus lernen zu können. Eine lächerliche Unterscheidung, die als Schutzmantel für menschliche Geldgier missbraucht wird, auch wenn das ursprünglich nicht die Idee war. Siehe Metapher oben, Verdauungsprozess. Als aktuelles Anschauungsbeispiel kann auch der Fall der Boeing 737 dienen oder der Skandal um VW, Beispiele gibt es genug, sogar verfilmte, Erin Brockovich lässt grüssen oder aktuell auch „Dark Waters“.

Christoph von Hugo hat übrigens nicht eine der drei klassischen Ingenieursdisziplinen studiert, Maschinenbau, Bauingenieurwesen oder gar Elektrotechnik, nein, er ist Wirtschaftsingenieur. Ahem. Wirtschaftsingenieur. Er weiss was über’s Konstruieren und noch mehr über’s Profitieren. Na denn. Vielleicht auch interessant zu wissen, dass von Hugo während seiner Studienzeit dem Formula Student Racing Team angehörte. Und jetzt wirkt er beim Entwurf von Autos für den öffentlichen Strassenverkehr mit. Kann einiges erklären, muss aber nicht.

Was für ein wohlklingender Name auch, Wirtschaftsingenieur Christoph von Hugo. Mit einem Master in Business Administration, in den Staaten erworben, dem Land mit diesen vielen hochangesehenen und so, so teuren Universitäten. Solche Menschen brauchen kein Glück auf ihrem Lebensweg, sie sind geradezu prädestiniert für welche Karriere auch immer. So einer weiss, was er tut, das liegt in der Familie, die haben das quasi in ihrer DNA, haben schon immer irgendetwas richtiger, besser, gemacht als andere und tun das heute noch, sonst hätte man ihnen das „von“ doch weggenommen, dass sie sich irgendwann selbst verliehen haben oder ihnen von einem Ranghöheren verliehen worden ist.

Built-in Bias“ in Algorithmen ist inzwischen ein bekanntes Phänomen und wird vermehrt studiert und diskutiert. „Built-in Social Privilege“ ebenfalls, hinkt aber hinterher. Man ahnte vielleicht, dass Menschen wie von Hugo’s oft so denken und handeln, wie sie das eben tun – siehe oben – weil sie von existenziellen Sorgen und schwerwiegenden Konsequenzen verschont geblieben sind. Da bleiben Empathie und Rücksicht auf der Strecke, welcher erfolgsverwöhnte Mensch braucht das schon, das würde bloss seinen ohnehin bereits ziemlich flachen Weg nach oben unnötig steil machen.

Fassen wir also zusammen, ein Mensch fährt auf öffentlichen Strassen in einer privaten Maschine, die er selbst nicht bedient, von der er keine Ahnung hat, wie sie genau programmiert wurde, die von einem anderen Menschen erdacht wurde, von einem Wirtschaftsingenieur, der als Bestimmer des Denkens und Handelns dieser Maschinen meint, menschliches Versagen verhindern zu können. Seine bisherigen Erfolge geben ihm da schliesslich Recht, sonst wäre er nicht in dieser Position, solche Entscheidungen treffen zu können, aber ob seine Erfolge als Wirtschaftsingenieur eher am finanziellen Profit gemessen wurden, den er der Firma erbracht hat oder an seiner tiefen technischen Fehlerquote, das fragt man nicht, muss man vielleicht auch nicht wirklich, schliesslich sieht man immer wieder, dass Unternehmenserfolge fast ausschliesslich am finanziellen Profit gemessen werden. Ob er wegen seiner Noten und einer herausragenden Abschlussarbeit bei Daimler angestellt wurde oder wegen seinem Namen und dem Zugang zu prestigeträchtigen Netzwerken, die angesehene Namen und renommierte Universitäten mit sich bringen können, oder einer Kombination aus beidem, das ist nochmals eine andere Frage, die man ebenfalls nicht stellt, wo käme man denn da hin, wenn man diese Dinge hinterfragen würde, ist das nicht eine böswillige Unterstellung.

Der Artikel ist schon etwas älter, aber immer noch aktuell, schliesslich fahren bereits die ersten solcher Maschinen auf unseren Strassen herum. Wer weiss, vielleicht war das sogar ein geschickter Schachzug des Wirtschaftsingenieurs von Hugo, um Daimler’s Absatz anzukurbeln, kauft Mercedes und ihr werdet sicher gefahren, sterben werden die andern. Verantwortung muss keiner wirklich übernehmen, sicher nicht der Fahrer, das Auto nimmt man vom Markt, überarbeitet die Software und gelobt Besserung, ohne das „Besser“ genauer definieren zu müssen. Keiner muss ins Gefängnis, man spart sogar Steuergelder, die Firma zahlt, wenn man keine Gesetzeslücken findet, Schadenersatz oder Schmerzensgeld und ist froh, dass, oh Glück und Zufall, ein alter Studienkolleg eines ehemaligen Firmenvorstandsmitglieds zuständiger Richter oder renommierter Anwalt ist, vielleicht sogar von Hugo’s oder sonst jemandes Onkel oder Freund aus irgendeinem exklusiven Club in jener Versicherung was zu sagen hat, die zahlen muss und dann berechnet, wie viel ein paar Kinderleben wert sind. Obwohl, das wäre dann schon unverschämt viel Glück für die Firma, wirklich.

Insgesamt aber Win-Win für Staat und Wirtschaft, bloss die Gesellschaft, die bleibt auf der Strecke. Unter dem Mercedes, sozusagen, der auf der Autobahn des Lebens weiterdüst, ob mit oder ohne Fahrer ist egal, Hauptsache, das Auto wurde verkauft. Gute Fahrt all jenen, die sich eine solche Maschine leisten können. Und Pardon, es wurde kein Plädoyer für bessere Ausbildungen, sondern zu einem Versuch, Chancenungleichheit aufzuzeigen. Ein Plädoyer für mehr Selbstverantwortung und weniger Abschiebung, im weitesten Sinne. Und für autofreie Strassen, zumindest in dicht besiedelten Gebieten. Rosengartentunnel nein, wenn wir grad dabei sind.

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